70 Years – Rostock

 

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

1 Uhr morgens, am 06.06.2014, in Rostock.

10443391_1459788077593816_6163532496479740761_n  10435836_1459787547593869_960237123201564060_n

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Der amerikanische Blick

Der D-Day und der deutsche Hass auf die Kulturindustrie

Am 6. Juni 2014 jährt sich zum siebzigsten Mal die Landung der Alliierten in der Normandie – ein Jahrestag, der in diesem Jahr dem Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs zum Opfer fallen wird. Dieser erste von zwei Weltkriegen in Europa, die beide nur Dank des amerikanischen Engagements beendet werden konnten, wird heute vorgeführt als ein unglückliches Stolpern, als ein Versehen, das zufällig Millionen Soldaten das Leben kostete. Nicht zuletzt aber dient die Erinnerung an das Schlachten der Errichtung eines Bildes von Europa als dem eigentlich unverstandenen Kontinent. Die Geschichte dieses Krieges und seiner Voraussetzungen wird in einem Ausmaß neu interpretiert, dass von einer Revision kaum eine Rede sein kann: vielmehr scheint es, als würde sie zum ersten Mal überhaupt geschrieben; das entworfene Bild erinnert jedoch verdächtig an jenes der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der die Zeit vor 1914 als nicht enden wollender Sommer beschrieben wird, der Krieg selbst als plötzlich hereinbrechendes Stahlgewitter und 1918 als den Beginn des europäischen Winters der Zwangsdemokratisierung. Die dürftige Schlachtenmalerei verrät die Sehnsucht nach Heerführern, nach Kaisern und Königen, die die Geschicke bestimmen. Revision und Regression liegen oft nah beieinander, und so schamlos kann sich autoritäre Sehnsucht nur offenbaren, wenn das Ereignis, auf das sie sich zu beziehen meint, einhundert Jahre zurückliegt.

Die zweite Zwangsdemokratisierung Europas liegt hingegen noch nicht so lang zurück, und obwohl sich der Kontinent, und allen voran das Land in dessen Mitte, den amerikanischen Import unterdessen für die eigenen Bedürfnisse zurechtgebogen hat, wird die Landung in der Normandie und damit der Beginn jener Befreiung, die ihren Namen verdient, im Schatten des Gedenkens an den August 1914 einer ebenso grundlegenden, wenn auch äußerst unauffälligen Revision unterzogen. Nicht in Gestalt von tausende Seiten umfassenden Geschichtsbüchern, nicht auf Symposien und in Feuilleton-Debatten findet diese Veranstaltung statt, sondern in der Abrechnung mit Hollywood als Synonym für die amerikanische Kulturindustrie und ihrer Befassung mit dem Krieg gegen Deutschland.

Nicht dass das nicht schon immer ein Thema gewesen wäre: Aber die Ablehnung zum Beispiel von Steven Spielbergs Schindlers Liste kam doch im Wesentlichen von ideologiekritischer Seite und richtete sich gegen die Vereinbarkeit von deutscher Sentimentalität und kulturindustriellem Identifikationsangebot – wie schon Jahre zuvor anlässlich der Fernsehserie Holocaust. Konnten diese Filme und Serien, zuletzt vielleicht Roman Polanskis Der Pianist noch auf Zustimmung und Erfolg zählen, da hier die Deutschen letztlich Sieger blieben, weil es am Ende immer wenigstens einen guten Deutschen gab und die meisten Juden tot waren, stießen bemerkenswerterweise gerade Filme und Serien, in denen die Landung in der Normandie in irgendeiner Weise vorkommt, auf Ablehnung. Der Tenor der Ablehnung ist immer der gleiche: „Spielberg konnte den D-Day nicht als sinnloses Menschenschlachten zeigen wie die Regisseure, die sich des amerikanischen Vietnam-Traumas annahmen oder wie Bernhard Wicki, der den Terror, den Wahnsinn, die Unfaßbarkeit des Krieges 1959 in Die Brücke vorführte. Mit einer solchen Geschichte hätte er die Rechtmäßigkeit des amerikanischen Einsatzes für die Freiheit Europas in Frage gestellt“1, schrieb etwa Der Spiegel pars pro toto über Saving Private Ryan. Doch es ist nicht nur die Darstellung des Krieges in diesen Filmen, deren Regisseure sich hartnäckig weigern, das Kriegsgeschehen von seiner unmittelbaren Ursache zu trennen – im Gegensatz zu Wicki, dessen Film unmissverständlich vermittelt, dass das Menschenschlachten nur dann sinnlos ist, wenn Deutschland dabei ist, den Krieg zu verlieren. Vielmehr ist es die Liebe zum sinnlosen Schlachten selbst, das heißt zur Sinnlosigkeit, weswegen auch die deutsche Schmonzette Stalingrad vor Jahren an den Kinokassen eben nicht floppte, weil in ihr das Töten auf beiden Seiten durchaus realistisch als reine Vergeudung von Menschenleben dargestellt wurde. Eine Sache um ihrer selbst Willen tun, ist schließlich das deutsche Mantra, die Betonung von Sinnlosigkeit gehört zum guten Ton, außer wenn es um die Shoah geht, dann wird es – besinnlich. Dem Film Der längste Tag, einer Hollywood-Produktion aus dem Jahr 1962, wurde im Spiegel schon anlässlich seiner Premiere abschätzig beschieden: „Der aufwendig photographierte Film mag stets wahren Begebenheiten entsprechen – dem blutigen Chaos dieses Tages entspricht er nicht. Der amerikanische Soldat, der in Bernhard Wickis Brücke-Film mit zerschossenem Leib schreiend und sterbend vor der MG -Stellung von Hitler-Jungen liegt, verdeutlicht das Grauen des Krieges eindrucksvoller als Tausende, die bei Zanuck sterben.“2 Wieder Wicki – selbst einer der Regisseure von Der längste Tag: er hat die Szenen auf deutscher Seite gedreht –, dessen grässlicher Film ja ganz und gar dem Grauen des Krieges einen Sinn verleiht: nämlich, dass die Hitler-Jungen im tiefsten Innern gute Kerle gewesen waren. Die erwähnte Szene ist nichts anderes als eine sadistische Fantasie, die dem deutschen Publikum ihre Revanchebedürfnisse als Reaktionsbildung vorführte. Die Versessenheit darauf, den Krieg als qualvolles Leid gezeigt zu bekommen, verweist nicht auf die Gutartigkeit des Publikums, sondern im Gegenteil auf dessen voyeuristischer Freude am qualvollen Tod – vor allem den des Amerikaners.

Was ist am D-Day, was andere historische Ereignisse des zweiten Weltkriegs nicht haben? Es ist der Blick des amerikanischen Soldaten, der aus Milwaukee oder New York kommt und nur eine ungefähre Vorstellung von Europa hat. Der ganze Horror des Krieges findet sich nicht in den kriegserfahrenen Einstellungen der Brücke wieder, sondern in diesem naiven Blick eines jungen Mannes, der unvorbereitet die Schrecken der nationalsozialistischen Barbarei sieht und erst dann ins Verhältnis zur Grausamkeit des Krieges stellt. Das ist auch der wesentliche Inhalt der amerikanischen Produktionen: Die Soldaten gehen in den Krieg, weil sie müssen; dann lernen sie die Deutschen kennen und dann wollen sie kämpfen, weil es notwendig ist, die Deutschen zu besiegen. Der Krieg bekommt einen Sinn, er hat ihn nicht im Vorhinein, der Patriotismus hat seine Grenzen. Dieses Moment ist unverzeihlich, denn gerade in seiner Subjektivität trifft er das objektivste Urteil.

Am genauesten und ausführlichsten wurde dieser Blick in der Fernsehserie Band of Brothers dargestellt, die in Deutschland auf dem Billigsender RTL 2 2005 ausgestrahlt wurde. 2001 von Spielberg und Tom Hanks produziert, handelt es sich um mehr als ein Sequel zu Private Ryan, vielmehr geht es um die Geschichte einer Einheit vom Tag der Landung bis zur Kapitulation Deutschlands. Anlässlich der deutschen Erstausstrahlung hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung folgendes an der Serie auszusetzen: „In der vorletzten Folge (‚Warum wir kämpfen’) befreit die Easy Company ein bayerisches Konzentrationslager. Es ist der schwächste Moment der ganzen Serie. Das Grauen, das man sehen müßte, wird nicht gezeigt, seine entschärfte Variante wirkt abstoßend banal. In Fullers Big Red One setzte der Blick ins KZ die Furien des Hasses frei, hier wirkt er wie eine Pflichtnummer, aus älteren Vorlagen abgeschaut. Wie man ein visuelles Trauma inszeniert, zeigt dagegen die fünfte Episode (‚Kreuzungen’), in der Winters einen deutschen Soldaten, der sich ihm ergeben will, in der Hitze eines Sturmangriffs erschießt. Im Fronturlaub in Paris verdirbt ihm das wiederkehrende Bild seiner Tat die Stimmung, es schiebt sich wie ein Vorhang zwischen ihn und die Welt, bis er in jedem Passanten die Züge seines Opfers sieht.“3 In Fullers autobiografisch gefärbtem Film Big Red One ist die Szene, die Furien des Hasses freisetzt allerdings sehr viel unrealistischer als der stille Schock, wie er in der Serie vermittelt wird. Fuller, der die Befreiung des tschechischen KZ Falkenau miterlebte und filmte, erzählt die Geschichte in seinem Spielfilm von 1980: Die US-Soldaten erleben eine ohnmächtige Wut und prügeln die noch nicht vertriebene sudentendeutsche Bevölkerung ins KZ, um dort die Leichen zu bergen. In den Jahre später veröffentlichten Originalaufnahmen von Fuller sieht man, dass die US-Soldaten eher stumm sind, als sie die Deutschen ins KZ führen4. In der Serie bleibt es bei dem Schock, beim Verstummen, und das halten deutsche Film- und Fernsehkritiker nicht aus.

Denn auch hier geht es wieder um den Blick: Tatsächlich waren es vor allem die Amerikaner, die die Deutschen zu Besuchen in befreiten Konzentrationslagern zwangen – in der naiven Hoffnung, der Schrecken möge sich vermitteln und den gleichen Schock auslösen, wie ihn die Befreier erlebt haben. Diese Besuche waren im Übrigen nicht koordiniert, die Befehle dazu wurden von einzelnen Kommandeuren gegeben. Das war der eigentliche Beginn der Reeducation.

1 http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmkritik-der-soldat-james-ryan-vom-sinn-des-grauens-a-27998.html
2 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45124338.html

Tjark Kunstreich

Dieser Text ist die vom Autor gekürzte Version eines Artikels, der in der Zeitschrift sans phrase im Juni 2014 erschienen ist.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Oral History

Oral History als neuer Zeitgeist des Vergessens

D -Day, Tag X, tausende alliierte Truppen landen an der Küste der Normandie. Viele finden in den Salven deutscher Maschinengewehre ihren Tod. Trotzdem gelingt es, den Strand zu überwinden und die deutschen Truppen zur Aufgabe zu drängen. Nachdem die Wehrmacht zuvor schon heftige Niederlagen in der Sowjetunion und in Nordafrika erlitten hatte, beginnt nun endgültig das Ende der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in Europa. Die Alliierten befreien in der Folge zahlreiche Konzentrationslager, Symbole der deutschen Barbarei. Im deutschen Fernsehen – zur besten Sendezeit – sieht das so aus: Da begegnen sich ein deutscher und ein damals alliierter Soldat, beide bereits im hohen Alter, an der Küste der Normandie, um Frieden zu schließen. Sie beide, so die Stimme aus dem Off, seien Opfer ungünstiger Umstände geworden. Opfer eines sinnlosen Krieges. Wem die Stimme aus dem Off gehört, bleibt hier offen. Beispielhaft für diese Szene steht aber Guido Knopp. Er könnte es gewesen sein, der die beiden ehemaligen Soldaten zusammenbrachte, nicht nur um die Geschehnisse des als D-Day in die Geschichte eingegangenen Tages aufzuarbeiten, sondern um sie zu versöhnen. Irgendetwas ist grundlegend verkehrt an dieser Darstellung.

Der Holocaust gilt heute als zentrales Element europäischer Erinnerung. Er ist allgegenwärtig als Metapher, als allzeit verfügbare rhetorische Figur, die keiner Konkretisierung bedarf. Unter dieser Oberfläche der permanenten Präsenz jedoch bröckelt die konkrete Erinnerung an Konzentrationslager, Kriegsverlauf und -schuld, die weniger werdenden Shoah-Überlebenden werden als Mahner wahrgenommen, als menschliche erhobene Zeigefinger.

Was uns in weiten Teilen Europas begegnet, ist eine Universalisierung des Gedenkens, die eine Auflösung klarer Täter/Opfer-Strukturen in Kauf nimmt, um die Möglichkeit eines kollektiven Erinnerns schaffen zu können. Besonders in Deutschland bedeutet dies eine Umdeutung des Holocaust. Nicht als Eingeständnis von Schuld oder Täterschaft, sondern als Möglichkeit, einen modernen Nationalstolz zu schaffen, der aus der „dunklen Zeit der deutschen Geschichte“ die Möglichkeit zieht, sich als „geläuterte“ Nation zu inszenieren und für sich selbst sogar eine Vorbildfunktion in Sachen Vergangenheitsbewältigung reklamiert.

Dieses Geschichtsbewusstsein, das aus der Shoah gelernt haben will und dieses Gelernte abstrahiert, um es auf einen beliebigen aktuellen Konflikt anzuwenden, verkennt in dieser Abstraktion aber bereits die Bedeutung der Shoah und relativiert sie durch den Vergleich.

Universalisierte Erinnerung, die sich an das konkret Geschehene gar nicht erinnern möchte, wird in Deutschland auch medial vermittelt. Sie manifestiert sich in der Person Guido Knopps, der bis Mitte 2013 die „Redaktion Zeitgeschichte“ beim ZDF leitete. Ein wahrlich weites Feld, könnte man meinen. Aber bei Nennung seines  Namens dauert es für gewöhnlich nicht lange, bis jemand „Hitler“ raunt. Knopp hat nämlich seit über 25 Jahren das massenmediale Deutungsmonopol über den Nationalsozialismus inne. Sein Dokumentationsstil wird immer wieder als „naiv-unkritisch“ kritisiert. Knopp setzt vor allem auf subjektive Darstellungen von Zeitzeugen, deren Perspektive menschlich wirken soll. Das Problem dieser „oral history“ ist, dass die selektive Erinnerung Einzelner nicht hinterfragt wird und es so passiert, dass sich etwa der Neonazi Friedhelm Busse nicht als solcher gekennzeichnet wird, sondern sich als gewöhnlicher Zeitzeuge zur Bombardierung Dresdens äußern darf.

Ohnehin zeichnet sich Knopp durch eine ausgesprochene Nähe zu rechtskonservativen Personen und Einrichtungen aus. Dabei geht er soweit, das Buch „Hitler und seine Feldherren“ von David Irving, einem der weltweit bekanntesten Holocaustleugner, in seine Liste der „50 wichtigsten Bücher über Hitler“ aufzunehmen.

Bekannt wurde Knopp in den 1990er Jahren mit den sogenannten „Hitler-Reihen“, die sich auf die Perspektive der deutschen Täter, ja vor allem der Führungselite um Hitler konzentrierten, in den letzten zehn Jahren wandte er sich endgültig den deutschen Opfern zu.

Die frühe Fixierung auf Hitler und die nationalsozialistische Führungselite blendet die Akzeptanz der Barbarei und die Mitarbeit der vielen Deutschen völlig aus. Gleichgültig, ob sie in SS, SA und Wehrmacht „gedient“ haben oder ob sie als Zivilpersonen Denunzianten, Arisierungsgewinner oder direkte Täter waren, ohne die weder die Ausgrenzung noch der expansive, industrielle Massenmord der Shoah durchführbar gewesen wäre. Die alltägliche „Konsensdiktatur“, die in der aktuellen historischen Forschung unumstritten ist, aber auf die auch schon zeitgenössische Beobachter hinwiesen, bleibt in Knopps Geschichtsdarstellung bewusst unerwähnt oder kommt nur als anonyme Masse der unschuldig verführten Opfer vor. Auf die Beleuchtung der kollektiven oder individuellen Motivation und Ausführung der Täterschaft „normaler Deutscher“ jenseits  der NS-Führungselite verzichtet Knopp.

Besonders drastisch zeigt sich dieses Geschichtsverständnis anhand der eingangs erwähnten Szene aus einer Dokumentation Knopps über die Landung der Alliierten in der Normandie. Ein deutscher und ein alliierter Soldat werden zusammengebracht. Sie wären aufgrund von Entscheidungen die sie nicht beeinflussen konnten aus ihren kleinen Welten gerissen worden, um gegeneinander ins Feld zu ziehen. Jetzt, fast 70 Jahre nachdem sich beide auf dem Schlachtfeld bekämpften, sei es an der Zeit, einander die Hand zu reichen. Als wäre es nicht der deutsche Soldat und dessen Armee gewesen, die es erforderlich machten, dass tausende alliierte Soldaten ihr Leben am Strand der Normandie und an zahlreichen anderen Schauplätzen des zweiten Weltkriegs lassen mussten. Als wäre es nicht die blinde soldatische Treue zahlreicher Wehrmachtssoldaten gewesen, auf die sich die NS-Führungsriege stets verlassen konnte, die die Ausbreitung und Aufrechterhaltung der nationalsozialistischen Tyrannei erst möglich machten. Und als wäre es nicht eben diese Treue gewesen, die es unausweichlich machte, dass der alliierte Soldat sich todesgewiss durch den Sand der Normandie kämpfen musste. Beide Soldaten sind für Knopp Opfer. Kein Wort von der nationalsozialistischen Rassenideologie, von den Konzentrationslagern, von den Verbrechen der Wehrmacht.

Auch der dreiteilige Fernsehfilm „Unsere Mütter, unsere Väter“, der in den deutschen Medien durchweg großes Lob erfuhr, schlägt in diese Kerbe. Internationale Medien kritisierten die beherrschenden deutschen Opferrollen dagegen unter anderem als „fünfstündiges Selbstmitleid“. Diese Darstellung, in der alle, unabhängig ihrer Funktion als Soldat oder Zivilpersonen, vor allem aber auch unabhängig ihrer Nationalität, mit ihrem Schicksal zu kämpfen haben und niemand so richtig schuld ist, verwischt jedoch die Fakten und sorgt stattdessen für eine Art Wohlfühlgeschichte, die Interpretationsspielraum bietet für Geschichtsrevisionismus und relativierenden Thesen die Tür öffnet.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar

Das Jahr 1944 in Thüringen und die Veränderungen durch den D-Day

Das Jahr 1944 in Thüringen und die Veränderungen durch den D-Day

Als Ende 1941 mit dem gescheiterten Blitzkrieg im Osten und dem Kriegseintritt der USA die globale Dimension des Krieges deutlich wurde, wirkte sich das auch auf Thüringen aus. In der Kriegsproduktion kamen vermehrt Zwangsarbeiter aus den Konzentrationslagern zum Einsatz, was dazu führte, dass die Lagersysteme in ihren Kapazitäten massiv ausgebaut und durch Außenlager für die Arbeitseinsätze erweitert wurden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren die Konzentrationslager allein durch ihre flächenmäßige Ausbreitung gesellschaftliche Realität in ganz Deutschland. Im Frühjahr 1942 wurde Fritz Sauckel, der NSDAP-Gauleiter in Thüringen, zum „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz.“

Unter seiner Regie wurde auch Buchenwald in den folgenden zwei Jahren auf die Größe von 20 Haupt- und 165 Außenlagern ausgebaut. Die Häftlinge errichteten unter anderem eine Gewehrfabrik direkt am Stammlager, das darüber hinaus im Bereich des Krematoriums ausgebaut und mit den von der Erfurter Firma Topf & Söhne speziell für die Konzentrationslager entwickelten Leichenverbrennungsöfen ausgestattet wurde. Die Zahl der Häftlinge, die in den Konzentrationslagern als Sklavenheere an private Rüstungsfirmen vermietet wurden, stieg von etwa 88.000 (1942) massiv an und erreichte im August 1943 658.000, im Januar 1945 sogar 714.000 Männer und Frauen. Diese Entwicklung wurde vor allem von der SS-Lagerverwaltung vorangetrieben, für die der Arbeitseinsatz „im wahrsten Sinne erschöpfend sein [musste], um ein Höchstmaß an Leistung zu erreichen.“ 1944 wurden in Buchenwald täglich bis zu 1.500 Häftlinge, die das Lager in Zügen aus der Sowjetunion, aber auch aus Süd- und Westeuropa erreichten, auf ihre Arbeitstauglichkeit geprüft und eingeteilt. Wer für den Arbeitseinsatz untauglich war, wurde meist innerhalb weniger Tage durch Giftinjektion getötet. Auch die Einteilung in bestimmte Arbeitsbereiche, etwa den Steinbruch im Stammlager Buchenwald oder die Stollenbaukommandos im Außenlager Mittelbau-Dora, bedeutete faktisch in kürzester Zeit den Tod durch Zwangsarbeit.

Die Außenlager sowie die als Gustloff-Werk II bezeichnete Gewehrfabrik waren am 24. August 1944 Ziele einer detailliert vorbereiteten Operation der US Air Force. Bei der Bombardierung wurden die Betriebe, das Krematorium und Teile der SS-Einrichtungen massiv beschädigt. Die Barracken der Häftlinge blieben zwar unversehrt, über 300 der Zwangsarbeiter, die während des Angriffs gezwungen wurden in der Nähe der Werke zu bleiben, starben jedoch direkt während des Angriffs oder an seinen Folgen.

In der Zeit von der Bombardierung bis zur Befreiung Buchenwalds am 11. April 1945 konnte der Produktionsbetrieb auf Grund der massiven Zerstörungen nur in geringem Umfang wieder aufgenommen werden. In diesen acht Monaten wuchs das Konzentrationslager jedoch auf zuvor nicht gekannte Größe an.

Deportationen (im SS-Lagersprachgebrauch „Verschrottung“)  arbeitsunfähiger Häftlinge in die Vernichtungslager Auschwitz oder Majdanek fanden bereits seit 1941/42 regelmäßig statt, 1944/45 jedoch immer häufiger. Als arbeitsunfähig galten dabei nicht nur kranke oder verwundete Männer, sondern auch Frauen und Kinder. Außerdem wurden immer wieder die verbliebenen jüdischen Häftlinge zusammengetrieben und deportiert.

Kurz nach der Bombardierung verließ beispielsweise ein Transport von 72 schwangeren Frauen das Hauptlager auf dem Ettersberg  in Richtung Leipzig, am dortigen Außenlager angekommen erhielten nur 25 von ihnen Häftlingsnummer, die Mehrzahl aber wurde von der SS direkt in die Gaskammern geführt. Wenige Tage später folgte ein Transport von 200 Sinti und Roma, fast alle von ihnen Kinder oder Jugendliche. Eugen Kogon beschreibt, wie „die SS […] die schreienden, weinenden Kinder mit in Anschlag gebrachten Karabinern und Maschinenpistolen umstellte, um sie nach Auschwitz zur Vergasung abzutransportieren.“

Als sich die Rote Armee Ende 1944 den Konzentrationslagern im besetzten Polen näherte, begannen die heute als Todesmärsche bekannten Räumungen der dortigen Konzentrationslager. Mehr als 10.000 Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz erreichen  im Januar 1945 Buchenwald. Sie haben einen Fußmarsch von 60 Stunden hinter sich, die restliche Strecke wurden sie zusammengedrängt in Güterwaggons transportiert, oftmals ohne Dach, im eisigen Winter. Unzählige Menschen mehr blieben erschöpft, verhungernd, erfrierend, auf der Strecke und erreichten Buchenwald nicht. Die ankommenden Massen konnte die Bürokratie Buchenwalds nicht verwalten, tagelang schliefen die Menschen zwischen Januar und April 1945 auf dem Boden vor dem Desinfektionsgebäude, bekommen kaum Nahrung, unter ihnen Schwerkranke. In diesen wenigen Monaten des Jahres 1945 starben in Buchenwald noch einmal 13.969 Menschen.

Doch auch aus dem Westen rücken die Alliierten nun vor, im April 1945 wird die Räumung Buchenwalds vorbereitet. Die Befehlslage ist längst unübersichtlich, oft widersprüchlich, dennoch verlassen in den Tagen bis zum 10. April, also einen Tag vor der Befreiung Buchenwalds, 38.000 Häftlinge in den Evakuierungstransporte genannten Todesmärschen die Stamm- und Außenlager in Richtung Süddeutschland. Jeder Dritte von ihnen überlebt den Marsch nicht.

Am 11. April erreichen US-Panzerverbände die SS-Barracken Buchenwalds und überrollen diese nach zweistündigen Gefechten. Da die Wachtruppen in die Kämpfe verwickelt waren, nutzten einige Häftlinge die Gelegenheit und entwaffneten die im Lager verbliebenen Wachen. Sie rissen die Zäune nieder und liefen den US-Truppen entgegen, trafen an der Stelle des heutigen Mahnmals auf sie und führten sie zum Hauptlager. Dort kam es, mit den Worten eines der ersten US-Soldaten im Lager, zu „einer überwältigenden und unvergesslichen Szene: Hunderte von Deportierten kamen wie eine Flutwelle auf uns zu, schrien vor Freude und rissen die von der SS installierten Stacheldrahtreihen um.“

Buchenwald und Mittelbau-Dora wurden am 11. April befreit, doch viele ehemalige Häftlinge waren noch in der ziel- und orientierungslosen Gewalt der SS auf Todesmärschen in der Region. Noch am 13. April kam es bei Gardelegen zu einem Massaker an ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora. 1.016 Menschen wurden ermordet, indem sie von SS-Angehörigen, Wehrmachtssoldaten sowie Angehörigen von Polizei und Feuerwehr in eine Scheune getrieben wurden. Erst tränkten die Täter das Stroh in der Scheune mit Benzin und entzündeten es, dann beschossen sie das Gebäude von außen mit Maschinengewehren, Handgranaten und Panzerfäusten. In der Nacht wurde zusätzliches Benzin herbeigeschafft, um die Leichen in der Scheune zu verbrennen. Mehr als 600 von ihnen konnten von den einen Tag später eintreffenden US-Truppen nie identifiziert werden.

Veröffentlicht unter Allgemein | Hinterlasse einen Kommentar