Das Jahr 1944 in Thüringen und die Veränderungen durch den D-Day

Das Jahr 1944 in Thüringen und die Veränderungen durch den D-Day

Als Ende 1941 mit dem gescheiterten Blitzkrieg im Osten und dem Kriegseintritt der USA die globale Dimension des Krieges deutlich wurde, wirkte sich das auch auf Thüringen aus. In der Kriegsproduktion kamen vermehrt Zwangsarbeiter aus den Konzentrationslagern zum Einsatz, was dazu führte, dass die Lagersysteme in ihren Kapazitäten massiv ausgebaut und durch Außenlager für die Arbeitseinsätze erweitert wurden. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren die Konzentrationslager allein durch ihre flächenmäßige Ausbreitung gesellschaftliche Realität in ganz Deutschland. Im Frühjahr 1942 wurde Fritz Sauckel, der NSDAP-Gauleiter in Thüringen, zum „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz.“

Unter seiner Regie wurde auch Buchenwald in den folgenden zwei Jahren auf die Größe von 20 Haupt- und 165 Außenlagern ausgebaut. Die Häftlinge errichteten unter anderem eine Gewehrfabrik direkt am Stammlager, das darüber hinaus im Bereich des Krematoriums ausgebaut und mit den von der Erfurter Firma Topf & Söhne speziell für die Konzentrationslager entwickelten Leichenverbrennungsöfen ausgestattet wurde. Die Zahl der Häftlinge, die in den Konzentrationslagern als Sklavenheere an private Rüstungsfirmen vermietet wurden, stieg von etwa 88.000 (1942) massiv an und erreichte im August 1943 658.000, im Januar 1945 sogar 714.000 Männer und Frauen. Diese Entwicklung wurde vor allem von der SS-Lagerverwaltung vorangetrieben, für die der Arbeitseinsatz „im wahrsten Sinne erschöpfend sein [musste], um ein Höchstmaß an Leistung zu erreichen.“ 1944 wurden in Buchenwald täglich bis zu 1.500 Häftlinge, die das Lager in Zügen aus der Sowjetunion, aber auch aus Süd- und Westeuropa erreichten, auf ihre Arbeitstauglichkeit geprüft und eingeteilt. Wer für den Arbeitseinsatz untauglich war, wurde meist innerhalb weniger Tage durch Giftinjektion getötet. Auch die Einteilung in bestimmte Arbeitsbereiche, etwa den Steinbruch im Stammlager Buchenwald oder die Stollenbaukommandos im Außenlager Mittelbau-Dora, bedeutete faktisch in kürzester Zeit den Tod durch Zwangsarbeit.

Die Außenlager sowie die als Gustloff-Werk II bezeichnete Gewehrfabrik waren am 24. August 1944 Ziele einer detailliert vorbereiteten Operation der US Air Force. Bei der Bombardierung wurden die Betriebe, das Krematorium und Teile der SS-Einrichtungen massiv beschädigt. Die Barracken der Häftlinge blieben zwar unversehrt, über 300 der Zwangsarbeiter, die während des Angriffs gezwungen wurden in der Nähe der Werke zu bleiben, starben jedoch direkt während des Angriffs oder an seinen Folgen.

In der Zeit von der Bombardierung bis zur Befreiung Buchenwalds am 11. April 1945 konnte der Produktionsbetrieb auf Grund der massiven Zerstörungen nur in geringem Umfang wieder aufgenommen werden. In diesen acht Monaten wuchs das Konzentrationslager jedoch auf zuvor nicht gekannte Größe an.

Deportationen (im SS-Lagersprachgebrauch „Verschrottung“)  arbeitsunfähiger Häftlinge in die Vernichtungslager Auschwitz oder Majdanek fanden bereits seit 1941/42 regelmäßig statt, 1944/45 jedoch immer häufiger. Als arbeitsunfähig galten dabei nicht nur kranke oder verwundete Männer, sondern auch Frauen und Kinder. Außerdem wurden immer wieder die verbliebenen jüdischen Häftlinge zusammengetrieben und deportiert.

Kurz nach der Bombardierung verließ beispielsweise ein Transport von 72 schwangeren Frauen das Hauptlager auf dem Ettersberg  in Richtung Leipzig, am dortigen Außenlager angekommen erhielten nur 25 von ihnen Häftlingsnummer, die Mehrzahl aber wurde von der SS direkt in die Gaskammern geführt. Wenige Tage später folgte ein Transport von 200 Sinti und Roma, fast alle von ihnen Kinder oder Jugendliche. Eugen Kogon beschreibt, wie „die SS […] die schreienden, weinenden Kinder mit in Anschlag gebrachten Karabinern und Maschinenpistolen umstellte, um sie nach Auschwitz zur Vergasung abzutransportieren.“

Als sich die Rote Armee Ende 1944 den Konzentrationslagern im besetzten Polen näherte, begannen die heute als Todesmärsche bekannten Räumungen der dortigen Konzentrationslager. Mehr als 10.000 Häftlinge des Vernichtungslagers Auschwitz erreichen  im Januar 1945 Buchenwald. Sie haben einen Fußmarsch von 60 Stunden hinter sich, die restliche Strecke wurden sie zusammengedrängt in Güterwaggons transportiert, oftmals ohne Dach, im eisigen Winter. Unzählige Menschen mehr blieben erschöpft, verhungernd, erfrierend, auf der Strecke und erreichten Buchenwald nicht. Die ankommenden Massen konnte die Bürokratie Buchenwalds nicht verwalten, tagelang schliefen die Menschen zwischen Januar und April 1945 auf dem Boden vor dem Desinfektionsgebäude, bekommen kaum Nahrung, unter ihnen Schwerkranke. In diesen wenigen Monaten des Jahres 1945 starben in Buchenwald noch einmal 13.969 Menschen.

Doch auch aus dem Westen rücken die Alliierten nun vor, im April 1945 wird die Räumung Buchenwalds vorbereitet. Die Befehlslage ist längst unübersichtlich, oft widersprüchlich, dennoch verlassen in den Tagen bis zum 10. April, also einen Tag vor der Befreiung Buchenwalds, 38.000 Häftlinge in den Evakuierungstransporte genannten Todesmärschen die Stamm- und Außenlager in Richtung Süddeutschland. Jeder Dritte von ihnen überlebt den Marsch nicht.

Am 11. April erreichen US-Panzerverbände die SS-Barracken Buchenwalds und überrollen diese nach zweistündigen Gefechten. Da die Wachtruppen in die Kämpfe verwickelt waren, nutzten einige Häftlinge die Gelegenheit und entwaffneten die im Lager verbliebenen Wachen. Sie rissen die Zäune nieder und liefen den US-Truppen entgegen, trafen an der Stelle des heutigen Mahnmals auf sie und führten sie zum Hauptlager. Dort kam es, mit den Worten eines der ersten US-Soldaten im Lager, zu „einer überwältigenden und unvergesslichen Szene: Hunderte von Deportierten kamen wie eine Flutwelle auf uns zu, schrien vor Freude und rissen die von der SS installierten Stacheldrahtreihen um.“

Buchenwald und Mittelbau-Dora wurden am 11. April befreit, doch viele ehemalige Häftlinge waren noch in der ziel- und orientierungslosen Gewalt der SS auf Todesmärschen in der Region. Noch am 13. April kam es bei Gardelegen zu einem Massaker an ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora. 1.016 Menschen wurden ermordet, indem sie von SS-Angehörigen, Wehrmachtssoldaten sowie Angehörigen von Polizei und Feuerwehr in eine Scheune getrieben wurden. Erst tränkten die Täter das Stroh in der Scheune mit Benzin und entzündeten es, dann beschossen sie das Gebäude von außen mit Maschinengewehren, Handgranaten und Panzerfäusten. In der Nacht wurde zusätzliches Benzin herbeigeschafft, um die Leichen in der Scheune zu verbrennen. Mehr als 600 von ihnen konnten von den einen Tag später eintreffenden US-Truppen nie identifiziert werden.

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