Der amerikanische Blick

Der D-Day und der deutsche Hass auf die Kulturindustrie

Am 6. Juni 2014 jährt sich zum siebzigsten Mal die Landung der Alliierten in der Normandie – ein Jahrestag, der in diesem Jahr dem Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs zum Opfer fallen wird. Dieser erste von zwei Weltkriegen in Europa, die beide nur Dank des amerikanischen Engagements beendet werden konnten, wird heute vorgeführt als ein unglückliches Stolpern, als ein Versehen, das zufällig Millionen Soldaten das Leben kostete. Nicht zuletzt aber dient die Erinnerung an das Schlachten der Errichtung eines Bildes von Europa als dem eigentlich unverstandenen Kontinent. Die Geschichte dieses Krieges und seiner Voraussetzungen wird in einem Ausmaß neu interpretiert, dass von einer Revision kaum eine Rede sein kann: vielmehr scheint es, als würde sie zum ersten Mal überhaupt geschrieben; das entworfene Bild erinnert jedoch verdächtig an jenes der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, der unmittelbaren Nachkriegszeit, in der die Zeit vor 1914 als nicht enden wollender Sommer beschrieben wird, der Krieg selbst als plötzlich hereinbrechendes Stahlgewitter und 1918 als den Beginn des europäischen Winters der Zwangsdemokratisierung. Die dürftige Schlachtenmalerei verrät die Sehnsucht nach Heerführern, nach Kaisern und Königen, die die Geschicke bestimmen. Revision und Regression liegen oft nah beieinander, und so schamlos kann sich autoritäre Sehnsucht nur offenbaren, wenn das Ereignis, auf das sie sich zu beziehen meint, einhundert Jahre zurückliegt.

Die zweite Zwangsdemokratisierung Europas liegt hingegen noch nicht so lang zurück, und obwohl sich der Kontinent, und allen voran das Land in dessen Mitte, den amerikanischen Import unterdessen für die eigenen Bedürfnisse zurechtgebogen hat, wird die Landung in der Normandie und damit der Beginn jener Befreiung, die ihren Namen verdient, im Schatten des Gedenkens an den August 1914 einer ebenso grundlegenden, wenn auch äußerst unauffälligen Revision unterzogen. Nicht in Gestalt von tausende Seiten umfassenden Geschichtsbüchern, nicht auf Symposien und in Feuilleton-Debatten findet diese Veranstaltung statt, sondern in der Abrechnung mit Hollywood als Synonym für die amerikanische Kulturindustrie und ihrer Befassung mit dem Krieg gegen Deutschland.

Nicht dass das nicht schon immer ein Thema gewesen wäre: Aber die Ablehnung zum Beispiel von Steven Spielbergs Schindlers Liste kam doch im Wesentlichen von ideologiekritischer Seite und richtete sich gegen die Vereinbarkeit von deutscher Sentimentalität und kulturindustriellem Identifikationsangebot – wie schon Jahre zuvor anlässlich der Fernsehserie Holocaust. Konnten diese Filme und Serien, zuletzt vielleicht Roman Polanskis Der Pianist noch auf Zustimmung und Erfolg zählen, da hier die Deutschen letztlich Sieger blieben, weil es am Ende immer wenigstens einen guten Deutschen gab und die meisten Juden tot waren, stießen bemerkenswerterweise gerade Filme und Serien, in denen die Landung in der Normandie in irgendeiner Weise vorkommt, auf Ablehnung. Der Tenor der Ablehnung ist immer der gleiche: „Spielberg konnte den D-Day nicht als sinnloses Menschenschlachten zeigen wie die Regisseure, die sich des amerikanischen Vietnam-Traumas annahmen oder wie Bernhard Wicki, der den Terror, den Wahnsinn, die Unfaßbarkeit des Krieges 1959 in Die Brücke vorführte. Mit einer solchen Geschichte hätte er die Rechtmäßigkeit des amerikanischen Einsatzes für die Freiheit Europas in Frage gestellt“1, schrieb etwa Der Spiegel pars pro toto über Saving Private Ryan. Doch es ist nicht nur die Darstellung des Krieges in diesen Filmen, deren Regisseure sich hartnäckig weigern, das Kriegsgeschehen von seiner unmittelbaren Ursache zu trennen – im Gegensatz zu Wicki, dessen Film unmissverständlich vermittelt, dass das Menschenschlachten nur dann sinnlos ist, wenn Deutschland dabei ist, den Krieg zu verlieren. Vielmehr ist es die Liebe zum sinnlosen Schlachten selbst, das heißt zur Sinnlosigkeit, weswegen auch die deutsche Schmonzette Stalingrad vor Jahren an den Kinokassen eben nicht floppte, weil in ihr das Töten auf beiden Seiten durchaus realistisch als reine Vergeudung von Menschenleben dargestellt wurde. Eine Sache um ihrer selbst Willen tun, ist schließlich das deutsche Mantra, die Betonung von Sinnlosigkeit gehört zum guten Ton, außer wenn es um die Shoah geht, dann wird es – besinnlich. Dem Film Der längste Tag, einer Hollywood-Produktion aus dem Jahr 1962, wurde im Spiegel schon anlässlich seiner Premiere abschätzig beschieden: „Der aufwendig photographierte Film mag stets wahren Begebenheiten entsprechen – dem blutigen Chaos dieses Tages entspricht er nicht. Der amerikanische Soldat, der in Bernhard Wickis Brücke-Film mit zerschossenem Leib schreiend und sterbend vor der MG -Stellung von Hitler-Jungen liegt, verdeutlicht das Grauen des Krieges eindrucksvoller als Tausende, die bei Zanuck sterben.“2 Wieder Wicki – selbst einer der Regisseure von Der längste Tag: er hat die Szenen auf deutscher Seite gedreht –, dessen grässlicher Film ja ganz und gar dem Grauen des Krieges einen Sinn verleiht: nämlich, dass die Hitler-Jungen im tiefsten Innern gute Kerle gewesen waren. Die erwähnte Szene ist nichts anderes als eine sadistische Fantasie, die dem deutschen Publikum ihre Revanchebedürfnisse als Reaktionsbildung vorführte. Die Versessenheit darauf, den Krieg als qualvolles Leid gezeigt zu bekommen, verweist nicht auf die Gutartigkeit des Publikums, sondern im Gegenteil auf dessen voyeuristischer Freude am qualvollen Tod – vor allem den des Amerikaners.

Was ist am D-Day, was andere historische Ereignisse des zweiten Weltkriegs nicht haben? Es ist der Blick des amerikanischen Soldaten, der aus Milwaukee oder New York kommt und nur eine ungefähre Vorstellung von Europa hat. Der ganze Horror des Krieges findet sich nicht in den kriegserfahrenen Einstellungen der Brücke wieder, sondern in diesem naiven Blick eines jungen Mannes, der unvorbereitet die Schrecken der nationalsozialistischen Barbarei sieht und erst dann ins Verhältnis zur Grausamkeit des Krieges stellt. Das ist auch der wesentliche Inhalt der amerikanischen Produktionen: Die Soldaten gehen in den Krieg, weil sie müssen; dann lernen sie die Deutschen kennen und dann wollen sie kämpfen, weil es notwendig ist, die Deutschen zu besiegen. Der Krieg bekommt einen Sinn, er hat ihn nicht im Vorhinein, der Patriotismus hat seine Grenzen. Dieses Moment ist unverzeihlich, denn gerade in seiner Subjektivität trifft er das objektivste Urteil.

Am genauesten und ausführlichsten wurde dieser Blick in der Fernsehserie Band of Brothers dargestellt, die in Deutschland auf dem Billigsender RTL 2 2005 ausgestrahlt wurde. 2001 von Spielberg und Tom Hanks produziert, handelt es sich um mehr als ein Sequel zu Private Ryan, vielmehr geht es um die Geschichte einer Einheit vom Tag der Landung bis zur Kapitulation Deutschlands. Anlässlich der deutschen Erstausstrahlung hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung folgendes an der Serie auszusetzen: „In der vorletzten Folge (‚Warum wir kämpfen’) befreit die Easy Company ein bayerisches Konzentrationslager. Es ist der schwächste Moment der ganzen Serie. Das Grauen, das man sehen müßte, wird nicht gezeigt, seine entschärfte Variante wirkt abstoßend banal. In Fullers Big Red One setzte der Blick ins KZ die Furien des Hasses frei, hier wirkt er wie eine Pflichtnummer, aus älteren Vorlagen abgeschaut. Wie man ein visuelles Trauma inszeniert, zeigt dagegen die fünfte Episode (‚Kreuzungen’), in der Winters einen deutschen Soldaten, der sich ihm ergeben will, in der Hitze eines Sturmangriffs erschießt. Im Fronturlaub in Paris verdirbt ihm das wiederkehrende Bild seiner Tat die Stimmung, es schiebt sich wie ein Vorhang zwischen ihn und die Welt, bis er in jedem Passanten die Züge seines Opfers sieht.“3 In Fullers autobiografisch gefärbtem Film Big Red One ist die Szene, die Furien des Hasses freisetzt allerdings sehr viel unrealistischer als der stille Schock, wie er in der Serie vermittelt wird. Fuller, der die Befreiung des tschechischen KZ Falkenau miterlebte und filmte, erzählt die Geschichte in seinem Spielfilm von 1980: Die US-Soldaten erleben eine ohnmächtige Wut und prügeln die noch nicht vertriebene sudentendeutsche Bevölkerung ins KZ, um dort die Leichen zu bergen. In den Jahre später veröffentlichten Originalaufnahmen von Fuller sieht man, dass die US-Soldaten eher stumm sind, als sie die Deutschen ins KZ führen4. In der Serie bleibt es bei dem Schock, beim Verstummen, und das halten deutsche Film- und Fernsehkritiker nicht aus.

Denn auch hier geht es wieder um den Blick: Tatsächlich waren es vor allem die Amerikaner, die die Deutschen zu Besuchen in befreiten Konzentrationslagern zwangen – in der naiven Hoffnung, der Schrecken möge sich vermitteln und den gleichen Schock auslösen, wie ihn die Befreier erlebt haben. Diese Besuche waren im Übrigen nicht koordiniert, die Befehle dazu wurden von einzelnen Kommandeuren gegeben. Das war der eigentliche Beginn der Reeducation.

1 http://www.spiegel.de/kultur/kino/filmkritik-der-soldat-james-ryan-vom-sinn-des-grauens-a-27998.html
2 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45124338.html

Tjark Kunstreich

Dieser Text ist die vom Autor gekürzte Version eines Artikels, der in der Zeitschrift sans phrase im Juni 2014 erschienen ist.

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